PASSUGGER GESCHICHTEN № 2

Hotelfachschule

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Oliver Kerstholt Nicola Pitaro

Die Geschichte beginnt vor fünf Generationen. Ende des 19. Jahrhunderts werden in Passugg im Zug der damaligen Alpeneuphorie die örtlichen Heilquellen wiederentdeckt (erstmals erwähnt wurden sie bereits 1562). Grund genug, ab 1883 das lokale Gasthaus zum Kurhaus um- und auszubauen, es 1896 mit einem Quellenhaus mit Trinkhalle über der Rabiosa-Schlucht zu komplementieren. Kurgäste wandern zu den fünf in Säulen gefassten Quellen, wo sie die Wasser nach Anleitung ihres Arztes konsumieren. In der Trinkhalle stehen dafür Becher, versehen mit Masseinheiten und, fast wichtiger, den persönlichen Zimmernummern.

Zeitsprung.

Besuchern, die heute von Chur nach Passugg fahren, eröffnet sich, kurz nachdem sie die Strasse in Richtung Lenzerheide im scharfen Araschgerrank verlassen haben, der Blick auf den Gebäudekomplex, dessen Kern das ehemalige Kurhaus ist. Seit 1988 betritt man hier den Campus der Swiss School of Tourism and Hospitality, kurz SSTH.

1966 gegründet und bis zum Umzug nach Passugg in Chur angesiedelt, seit Ende 2013 Teil der prestigeträchtigen Ecole hôtelière de Lausanne, der ältesten Hotelfachschule der Welt, zeigt ein Besuch: Genau so international, wie der Ort klingt, fühlt er sich an. Der Empfang: Eine klassische Rezeption. Brusthoher Messing-Tresen, dahinter Uhren, die die Zeit in Shanghai, Chicago, New Dehli und weiteren Metropolen anzeigen. Es ist früher Nachmittag. Das Publikum: Zu 90 Prozent unter 30. Zwei Drittel in dunkeln Deuxpièces oder Anzügen, ein paar in Berufskleidung, an der der Aussenstehende  erkennt: Sie arbeiten in der Küche. Geschätzt jede oder jeder vierte Anwesende mit asiatischen Wurzeln.

Letzteres relativiert Michael Hartmann: «Wir sind eine der weltweit führenden Hotelmanagement-Schulen», erklärt der SSTH-Direktor. Gleich wird er dem Besucher das ganze Haus, den Betrieb mit rund 380 Personen, zeigen. 45 Lehrpersonen bilden hier gut 300 Studierende aus 22 Nationen aus und befähigen sie, den Beherbergung- und Gastronomieteil des Campus-Betriebs über weite Strecken in Eigenregie zu führen. Hier wird praxisorientiert ausgebildet. Etwa ein Sechstel der Studentenschaft sei es, die aus dem asiatischen Raum komme, Tendenz stabil, so Hartmann. Aber auch bei Deutschen oder Amerikanern sei die Schule beliebt. Und tatsächlich hört man in den Gängen immer wieder Brocken von Mandarin oder Englisch. Bereits 1972 wurden englischsprachige «Special Courses« für internationale Studierende eingeführt. Heute absolvieren 28 Prozent der Studierenden ihre Ausbildung in englischer Sprache. Rund 66 Prozent sind Schweizerinnen oder Schweizer. «Die effektive Kommunikation über verschiedene Kulturen ist heute wichtiger als je zuvor», bemerkt Hartmann und weiss, sie wird hier auf beiden Seiten der Schulzimmer-Türen vertieft. Fachbegriff: Managing Diversity.

Inzwischen stehen wir in einem Schulzimmer im Untergeschoss; die Schüler machen gerade Pause. Von hier blickt man auf die dicht bewaldete gegenüberliegende Talseite. Ein guter Ort, um konzentriert zu lernen.

Mit welchem Ziel kommen die jungen Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt denn ins ehemalige Passugger Kurhaus? «Wir bilden einerseits Fach- und Führungspersönlichkeit in der Hotel- und Tourismusindustrie aus», sagt Michael Hartmann. «Als diplomierte Hotelier-Restaurateure HF und Absolventinnen des ‹Bachelor in International Hospitality Management› finden SSTH-Abgänger anspruchsvolle Stellen in Hotels und Gastronomiebetrieben rund um den Globus.»

Andererseits kümmert sich die Passugger Institution auch um den Nachwuchs. «Lernende schliessen bei uns als Hotel-Kommunikationsfachfrau/-mann mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis ab», erklärt der Direktor.

Was seine Schule von anderen unterscheidet? «Wir bilden Menschen aus, die unserer Branche zum überwiegenden Teil treu bleiben, während andere Ausbildungsstätten viele ihrer Absolventen oft schon nach wenigen Jahren an andere Branchen verlieren», so der gebürtige Münchner.

Das jüngste Kind, genannt ‹SSTH Young Talent Traineeship›, schliesslich bietet Jugendlichen ohne Branchen- oder Berufserfahrung die Möglichkeit, die Welt der Hotellerie erstmal kennenzulernen.

Hartmann zeigt sich stolz: «Wir bieten Schweizer Know-how international an. Lernende und Studierende können hier in Passugg von der Grundbildung über den Diplomstudiengang bis hin zum Bachelor von einem ganzheitlichen Ausbildungsprogramm profitieren, das in der Branche höchste Anerkennung geniesst.» Neben den praktischen und theoretischen Aspekten der Ausbildung wird hier auch die Bedeutung von Werten wie Kunden- und Serviceorientierung vermittelt. So ist ein gepflegter Umgangston unüberhör- und das von Respekt geprägte Miteinander schon bei einem kurzen Besuch spürbar.

Davon profitiert nicht zuletzt die Schweizer Tourismusbranche. Das dürfte mit ein Grund sein, dass hotelleriesuisse, seit 1882 das Kompetenzzentrum für eine qualitätsbewusste und zukunftsorientierte Schweizer Hotellerie, ebenfalls an der Schule beteiligt ist.

Und die Geschichte als Kurhaus? «Hilft uns natürlich», ist Michael Hartmann überzeugt. «Allein der einzigartige Campus, der uns hier zur Verfügung steht…», schwärmt er. 140 Zimmer, in denen 160 Studierende wohnen, vier Restaurants, die Kücheninfrastruktur und nicht zu vergessen: Der Ballsaal. Das perfekte Ausbildungs-Habitat. «Abgesehen davon profitieren wir natürlich von der langen Tourismusgeschichte unseres Standorts; den Geist der Tradition darf man in unserer Branche bei allen modernen Lehransätzen nicht unterschätzen.»

Wie um das zu unterstreichen, ist man jetzt zurück am Eingang und der Blick fällt nochmal auf die Uhren hinter der Rezeption. Eine zeigt natürlich auch die Zeit in Passugg. Hier, wo die internationale Tourismusgeschichte, angetrieben durch das gesunde Wasser, schon früh eine wichtige Rolle gespielt hat, werden also die Top-Gastgeber der Zukunft ausgebildet. Nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommt «Educated in Passugg» auf einen diskreten Pin zu gravieren, der fortan auf dunkeln Deuxpièces und Anzügen rund um die Welt als Erkennungszeichen einer Ausbildung an einem ganz besonderen Ort auftaucht.

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